(#22) Schallplatten, Speiseplatten und die Nationalhymne

Mitten im Xujiahui Park steht die „Villa Rouge“.

Sitzt man draußen unter den riesigen Bäumen, hat man nicht den Eindruck, mitten in dieser Millionenmetropole zu sein. Man hört keinen Verkehr, sondern Vogelgezwitscher und das kann durchaus laut sein. Die Vögel in chinesischen Parks müssen nämlich allabendlich mit der Musik der diversen Tanz- und Sportgruppen konkurrieren, die sich hier versammeln. Aber dazu mehr an einer anderen Stelle.

Lange bevor in der heutigen Villa Rouge europäische Gerichte der französischen, italienischen und spanischen Küche serviert wurden, war dies der Hauptsitz von Pathé, dem ersten chinesischen Plattenlabels.

Einen ersten Hinweis darauf, findet man schon bevor man das Gebäude betritt. Rechts neben dem Eingang steht eine Schallplattenpressmaschine (wie heißt so ein Ding eigentlich?!) des deutschen Herstellers Neumann. Aber auch im Eingangsbereich und im Restaurant selbst sieht man, dass dieses Gebäude eine musikalische Vergangenheit haben muss. Über stehen Grammophone. An den Wänden hängen Poster und Fotografien berühmter chinesischer Sängerinnen und Sänger, darunter auch Bai Kwong, Gong Qiuxia und Woo Ing Ing. Alle drei nicht nur erfolgreiche Jazzmusikerinnen sondern auch berühmte Filmstars und mit verantwortlich für den großen Erfolg Pathés.

Aber von vorne, denn die Geschichte dahinter ist eine echte Self-made Geschicht. Der jungen Franzosen Labansat hatte Anfang des 20. Jahrhunderts in der Tibet Road in Shanghai einen kleinen Stand eröffnet, an dem er neugierigen Chinesen Schallplatten vorspielte. Man erzählt sich, dass alle, die sich die Platte „Laughing Foreigners“ anhören wollten, 10 Cent bezahlten mussten. Allerdings bekam auch jede*r der/die nicht selbst lachen oder auch nur kichern musste, das Geld zurück. Wie reich Labansat damit wurde, ist nicht überliefert.

Es ist aber bekannt, dass ab 1906 Grammophone in Shanghai immer beliebter wurden. Labansat erkannte den Trend und gründete 1908 gemeinsam mit einem fanzösischen Ingenieur und einem Assistenten die Plattenfirma „Pathé Orient“. Ursprünglich auf Peking Opern spezialisiert, presste „Pathé Orient“ bald auch Platten, auf denen populärere Jazzsongs eben jener berühmter Jazzsängerinnen auf Mandarin zu hören waren.

Weiterlesen beim Blog „SHANGHAI AND I“

Nicole ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.


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