(#30) Ein internationaler Friedhof und chinesische Berühmtheiten

Ich scheine gerade eine morbide Phase zu haben. Ich war schon wieder auf einem Friedhof.

Dieses Mal auf einem, der ursprünglich Ausländer*innen vorenthalten war. Vor der Kulturrevolution muss es in Shanghai elf solcher Friedhöfe gegeben haben. Die meisten wurden während der Kulturrevolution zerstört und sind heute Parks. Mein Ziel, der Wanguo Gongmu (Friedhof), war 1909 als einer der ersten kommerziellen Friedhöfe eröffnet worden. Auch er wurde 1966 von den Rotgardisten zerstört. Nur die Gräber von Song Qinglings Eltern wurden verschont. Nach Song Qinglings Tod in 1981 wurde hier 1984 ein Mausoleum für sie errichtet und der Friedhof für Ausländer*innen „wiederbelebt“. Alle Gräber von Ausländern wurden damals hierhin verlegt. Heute liegen hier mehr als 600 Ausländer*inenn aus 26 westlichen und asiatischen Ländern. Das wollte ich sehen.

Wie bereits berichtet, ist es in diesen „special times“ nicht gerade einfach, Zutritt zu bekommen. Weder in Museen, noch öffentliche Gebäude, noch Parks und noch Friedhöfe. Auch vor diesem Park war wieder ein Zelt aufgebaut, in dem sechs Personen dafür abbestellt waren, Besucher*innen auf Herz und Nieren zu testen. Als ich Langnase dort ankam und versuchte mit QR-Code und Pass in den Park zu kommen, wurde ich zunächst einmal ziemlich barsch darauf hingewiesen, dass ich wohl noch mehr machen musste. Da ich mittlerweile weiß, dass Chines*innen ihren eigenen Charme haben, der sich mir nicht immer gleich erschließt, blieb ich erst mal freundlich lächelnd stehen. Eine junge Frau aus dem Besucher*innenabfangteam erkannte meine Verwirrung und kam super freundlich auf mich zu, um mir zu helfen. Ich musste einen QR-Code abscannen und online Fragen beantworten. Noch bevor ich den Code scannen konnte, beging ich den im Augenblick größtmöglichen Fauxpas: Ich habe meine Maske unter’s Kinn geschoben. Ich dachte, ich bräuchte die Gesichtserkennung für mein Alipay. Der nicht ganz so freundliche Wächter ist vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Wie gut, dass ich nicht gerade niesen musste. Es ist Pollenzeit und ich nicht ganz unallergisch.

Nach der Kontrolle wartete ein wunderschöner, ruhiger Park auf mich. Da es sich bei diesem Friedhof in erster Linie um eine Gedenkstätte für Song Qingling handelt, dominiert die Erinnerung an sie selbstverständlich den gesamten Park. Gleich am Eingang steht ein riesiger Gedenkstein, der an die Eröffnung der Gedenkstätte erinnert. Links das Kindermuseum zu Song Qingling, am Ende der Park“Allee“ das Mausoleum und etwas nach hinten versetzt auf der rechten Seite eine Statue von ihr, aber auch der Friedhof für Ausländer*innen. Dass es sich nicht um den Originalfriedhof handelt, stellt man spätestens dann fest, wenn man sich die Grabsteine genauer anschaut. Keine Angaben von Geburts- oder Sterbedatum und durchaus interessante Namen. Erst war ich mir nicht sicher, aber bei den meisten handelt es sich doch eindeutig um Schreibfehler.

Weiterlesen beim Blog „SHANGHAI AND I“

Nicole ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.


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