(#56) Chinas offene Hosen

Jetzt kommt sie wieder, die Zeit, in der es so warm ist, dass die Hosen hinten offen bleiben!

Ihr wundert Euch? Fragt mich mal! Ich war mir die ersten Male nicht sicher, ob ich richtig sehe. Aber ihr könnt beruhigt sein. Nur die Hosen von ganz kleinen Kindern sind offen. Gefühlt überall sah ich kleine Kinder, bei denen wahlweise die Windel oder der blanke Hintern aus der Hose rausschaute. Mal war die hintere Naht der Hose einfach nicht geschlossen. Mal war es eine Hose, die so geschnitten war, dass der Po des Babies großflächig rausschaute und mal waren es zwei Hosenbeine, die sich überkreuzten und oben durch einen Gummizug zusammengehalten wurden.

Die „gespaltenen Hosen“ (kai dang ku) haben eine lange Tradition in China. Angeblich gehen sie auf die Zeit der Sechsten Dynastie (220 – 589) zurück. Es gibt Quelle, die besagen, dass Kinder damals weiße Seidenhosen trugen, die lediglich aus zwei Hosenbeinen bestanden, die mit einem Gürtel um die Hüfte herum befestigt wurden. Mehrere hundert Jahren später, im 12. Jahrhundert, hat Su Hanchen ein Kind mit solch einer Hose auf seinem Gemälde „Spielende Kinder im Herbstgarten“ festgehalten und noch mal 800 Jahre später, 1948, zeigt ein Foto ein Kind mit gespaltenen Hose von hinten. Eigentlich wollte der Fotograf chinesische Unterstützer des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zeigen, als ihm dieser „Flitzer“ ins Bild rannte.

Dass sich diese Hosen so lange halten, hat mehrere praktische und definitiv einen finanzielle Grund. Früher waren Baumwolle und Wasser knapp. Beides genötigt man für Windeln. Gleichzeitig wurden die kleine Kinder damals von der gesamten Familie groß gezogen. Musste ein Kleinkind seine Notdurft verrichten, war immer jemand da, der oder die helfen konnte und danach auch sauber machte. Warum sollten die Kinder also teure Windeln tragen? Noch dazu haben sogar Untersuchungen gezeigt, dass Kinder, die mit einer gespaltenen Hose aufwachsen insgesamt 14 Monate früher trocken sind, als Windeln tragende Kinder.

Selbstverständlich, wir sind in China, haben die offenen Hosen aber auch einen abergläubischen Hintergrund. Die Chinesen sind davon überzeugt, dass der Po eines Babies die „drei Feuer“ in sich trägt und sich die Babies deshalb selbst im Winter trotz offener Hose keine Erkältung holen.

Während man davon ausgehen kann, dass noch alle Ü20er Chines*innen mit einer solchen Hose aufgewachsen sind, sieht man sie heute nicht mehr ganz so häufig. 

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Nicole ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.


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