(#64) Der Tag als Einstein nach Shanghai kam…

…und erfuhr, dass er den Nobelpreis erhalten hatte!

Wir schreiben das Jahr 1922. Albert Einstein ist mit seiner damaligen Frau Elsa mit dem Schiff in Richtung Asien unterwegs. Er ist quasi auf Tournee und möchte an diversen Universitäten in Asien Vorträge halten. Noch an Bord erreicht ihn ein Telegramm mit der Nachricht, dass er den Nobelpreis erhalten hatte.

Schnell hatte sich auch in Shanghai rumgesprochen, welch berühmter Besucher bald in ihren Hafen einlaufen sollten. Kein Wunder also, dass der Physiker mit den wilden Haaren bei seiner Ankunft in Shanghai am 13. November 1922 von einer begeisterten Menge in Empfang genommen wurde. Darunter die überwiegende Mehrheit jüdische Emigranten, aber auch zahlreiche ausländische und chinesische Intellektuelle und selbstverständlich Vertreter der schwedischen Botschaft. Diese überbrachten Einstein noch im Hafen offiziell die Nachricht des Nobelpreis Komitees: Er hatte „insbesondere für die Entdeckung des photoelektrischen Effekts geltenden Gesetzes“ (Nicht für die Relativitätstheorie!), wie es in der Begründung hieß, den Nobelpreis für Physik für 1921 erhalten.

Leider war Einstein nur einen einzigen Tag in Shanghai. Eigentlich hatte er geplant von hier aus nach Beijing zu reisen, um dort an der Peking Universität einen Vortrag zu halten. Dieser war aber abgesagt worden, da die offizielle Einladung des Rektors der Universität, Cali Yuanpei, Einstein nicht rechtzeitig erreicht hatte. Wo Einstein und seine Frau die Nacht vom 13. auf den 14. November verbracht haben, darüber streiten sich die Geister. Manche sagen, im Astor Hotel direkt am Bund. Ob das stimmt weiß niemand so wirklich. Ganz sicher hat er aber dort übernachtet, als er im Januar 1923 erneut nach Shanghai kam, um hier zu Neujahr einen Vortrag zu seiner Relativitätstherorie zu halten. Belegt ist auch, dass Einstein und seine Frau an diesem einen Abend in Shanghai zunächst mit dem Maler und Kalligraphen Wang Yiting dinierten und später noch eine Aufführung der Kunqu Oper besuchten.

Getrübt wurde die Erinnerung an den Besuch des genialen Wissenschaftlers, als im Jahr 2018 dessen privaten Tagebücher erstmals in englischer Sprache veröffentlich wurden. Er beschreibt darin unter anderem Eindrücke und Erlebnisse seiner Asienreise. Davon weisen einige durchaus rassistische Züge auf.

Über seinem Spaziergang durch Shanghai schreibt er, er habe den „Eindruck von grässlichem Existenzkampf sanft und meist stumpf aussehender meist vernachlässigter Menschen.“ Auf der Straße sehe er „lauter offene Werkstätten und Läden“, in denen „großes Geräusch, aber nirgends Streit“ herrsche. Außerdem notiert er: „Sogar die zu Pferdarbeit Degradierten machen nie den Eindruck bewussten Schmerzes. Merkwürdiges Herdenvolk, oft respektable Bäuchlein, immer gute Nerven, oft mehr Automaten als Menschen ähnelnd.“

Trotz seiner Tagebucheinträge findet man in Shanghai zahlreiche Belege für Einsteins Besuch. Unter anderem eine Skulptur im Hafen der Internationalen Kreuzfahrtschiffe am Nord Bund und eine andere in Shanghais Zhangjiang Hi-Tech Park.

Nicole ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.


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