(#67) Blau machen auf chinesisch

Gucci, Prada, Versage. Alle sind sie in Shanghai vertreten!

Gefühlt befindet sich im Innenstadtbereich von Shanghai alle hundert Meter ein super hippes Luxus-Kaufhaus. Aber mitten drin in der Former French Concession in der Nankeen Exhibition Galerie in der Changle Road wird auch noch ein Jahrhunderte altes Kunsthandwerk gepflegt – der Blaudruck.

Obwohl am Eingang zu der Nachbarschaft ein großes Schild auf die Galerie hinweist, ist sie mir erst aufgefallen, als ich in einem kleinen Büchlein darüber gelesen hatte. Das eine ist es allerdings, das Schild zu finden. Das andere ist es, die Galerie selbst zu finden. In so einem Lilong, wie die typischen chinesische Nachbarschaften hier in Shanghai heißen, kommt man sich als Langnase schon sehr schnell fehl am Platz vor. Ganz besonders jetzt, in diesen „special times“. Aber eigentlich muss man nur den Schildern folgen: Ganz bis zum Ende des Weges, durch ein Tor, drei Mal um die Ecke und man steht direkt davor. Also im Hinterhof, wie sich später rausstellen sollte.

Ich war schon zwei Mal da gewesen, stand aber immer vor einem verschlossenen Tor. Diese Mal hatten wir Glück. Der Besitzer saß im Hinterhof und hat quasi auf uns gewartet. Die Penetranz, es noch ein drittes Mal zu versuchen, hat sich gelohnt. Ich kam gar nicht mehr aus dem Staunen raus. Ein Stoff schöner als der andere. Kleider, Oberteile, Röcke, Schuhe, Handtaschen, Tischdecken, Kissen. Alles aus Blaudruckstoffen, deren tiefblaue Färbungen im starken Kontrast zu den aufgedruckten strahlend weißen, oftmals einfachen Mustern steht. Alles handgemacht. Jeder Stoff ein einmaliges Kunstwerk.

Wo der Blaudruck seinen Ursprung hatte, ist nicht so wirklich bekannt. Man geht davon aus, dass er aus Indien stammt. Aber schon 138 vor Christus wurde er erstmals in China erwähnt. Entstanden ist er entlang der Seidenstraße. Die Bürgerlichen Chinas der damaligen Zeit nutzten die Stoffe, um sich daraus ganz alltägliche Dinge, wie Kleidung, Tischtücher, Servietten oder auch Vorhänge anzufertigen. Also nicht sehr viel anders als heute, aber leider wird die Kunst des Blaudrucks heute nicht mehr hoch gehalten und stirbt langsam aus. In den Augen vieler ist der Blaudruck altbacken und passt nicht in das hippe Stadtleben. Vielleicht ändert die Tatsache, dass der Blaudruck seit 2018 ein immaterielles UNESCO Kulturgut ist, etwas an diesem Image. Ich kann es nur hoffen!

Und jetzt noch eine kleine „Klugscheißer“ Einlage: Wisst Ihr, woher der Begriff „blau machen“ kommt? Ich habe das bei einer Führung durch Erfurt gelernt. Erfurt war mal eine der Hochburgen des Blaudrucks in Deutschland. Die Leute hier konnten Meister im Montags blau machen. Im Mittelalter nutzen Färber zur Herstellung des Indigoblau die Blätter des Färberwaid, die in Kübeln mit menschlichem Urin vergoren. Um ausreichend Urin zu bekommen, musste man natürlich reichlich trinken. Am besten Alkohol, denn je mehr Alkohol im Urin war, desto besser das Färbeergebnis. Das geschah meistens an einem Sonntag, der damals noch als ein normaler Arbeitstag galt. Montags wurde dann „blau“ gemacht – nämlich der Stoff blau gefärbt. Aber da alle, die ihren Urin gespendet hatten, mit dickem Kopf im Bett blieben, sagte man von diesen, dass sie „blau machen“ würden.

Aber keine Bedenken! Das war im Mittelalter. Heute werden künstliche Substanzen genutzt, um das Indigo aus den Blättern zu lösen.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai. Ende Juli 2020 hat Nicole mit schwerem Herzens Shanghai verlassen. Aber nicht für immer. Sie hat in der Stadt wunderbare Freundschaften geschlossen und es gibt noch so viel zu entdecken .



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