(#68) Zu jedem Tier die passende Sauce

Eigentlich sollte ich Euch von der unglaublich schönen Landschaft erzählen, die wir über ein verlängertes Wochenende in Guilin rund um Yangzhou sehen durften!

Von den vielen tausend Bergen, die aussehen wie mit Bäumen bewachsene Zuckerhüte. Von den Flüssen, die sich zwischen den Bergen durchschlängeln und auf denen man sich stundenlang auf Flössen treiben und die Seele baumeln lassen kann. Von den Reisfeldern, Erdnussfeldern und Lotusfeldern, auf denen die Bauern zum Teil noch arbeiten wie vor hundert Jahren. Und natürlich von den noch erhaltenen alten Dörfern aus der Zeit der Qing Dynastie, auf denen zum Teil noch Graffiti aus der Zeit der Kulturrevolution zu sehen sind.

Aber viel interessanter ist die Geschichte unserer Führerin. Wir hatten großes Glück und eine Führerin, die viel zu erzählen hatte und viel erzählt hat. Judie ist etwas über 50 Jahre alt und in Guilin als Tochter einer bitterarmen Bauernfamilie aufgewachsen. Damals war es noch ganz normal, dass Kinder aus solchen Familien lediglich fünf Jahre zur Schule gingen. Danach, sie war gerade mal 11 Jahre alt, musste sie mit auf’s Feld und bei der täglichen Arbeit dort helfen.

Sie gehört auch noch zu der Generation, die ihren Ehemann nicht selbst ausgesucht hat. Damals war es noch ganz normal, dass jemand beauftragt wurde, den passenden Partner zu finden. In ihrem Fall konnten ihre Eltern sich keinen Heiratsvermittler leisten, also hat jemand aus der Familie das übernommen. Ihre Tante muss ganz angetan gewesen sein von ihrem jetzigen Mann. Damit war der Deal perfekt.

Gemeinsam haben sie eine Tochter, die in einer nahegelegenen Stadt Gartenbau studiert. Wenn man sieht, wie viele öffentliche Gärten es bereits überall gibt und wie viele noch angelegt werden, dann ist das ganz sicher ein zukunftsträchtiger Beruf. Judie ist natürlich auch super stolz auf ihre Tochter.

Normalerweise ziehen die Eltern des Mannes zu der jungen Familie, sobald ein Kind geboren wird, aber die Eltern von Judies Mann waren schon zu alt und außerdem wohnen sie sehr weit weg. Judie und ihr Mann hatten daher eine Kinderfrau (eine Ayi) engagiert. Denn das beide Elternteile arbeiten ist hier ganz normal.

All ihr Wissen über die Gegend, die Geschichte, die Entstehung der Berge, die verschiedenen Gesteinsarten, die Flora und Fauna Guilins hat sie sich selber angeeignet. Dazu sollte man wissen, dass Kinder in China allein für das Erlernen der meisten Schriftzeichen in der Schule bis zu sieben Jahre brauchen. Selbst Menschen, die studiert haben, kennen nicht alle Schriftzeichen. Es ist ganz normal, dass auch sehr gebildete Menschen mal das eine oder andere Zeichen nachschauen müssen. Noch dazu kommt, dass sie uns das alles dann auch noch auf Englisch erklärt hat und zwar in einem richtig guten Englisch. Das hat sie durch „learning by doing“ gelernt!

Immer mal wieder hat man aber gemerkt, welche bittere Armut sie als Kind erlebt haben muss, bzw. wie unglaublich arm die Menschen hier gewesen sein müssen. Egal welches Tier uns über den Weg kam. Sie wusste zu jedem ein leckeres Rezept. Im Fluss schwammen Ente – super lecker in einer Biersauce. Überall auf den Straßen und zwischen den Häusern Hühner – dazu passt besonders gut eine Sauce mit Pilzen. In den Reisfeldern die Schnecken – klein gehackt, mit Kräutern gemischt und dann in den Schneckenhäusern gegart. Eine lokale Spezialität. Heuschrecken – gegrillt ein herrlicher Snack. Hund? Ja, Hund! Auch die liefen überall frei rum. Die Sauce dazu hat sie uns nicht verraten, aber schon, dass sie sie früher selbstverständlich gegessen haben.

Selbstverständlich hatte Judie aber auch noch jede Menge anderer interessanter Dinger zu erzählen. So fand ich zum Beispiel sehr interessant, dass hier die Menschen nicht auf Friedhöfen beigesetzt werden. Überall entlang der Straßen und Wege waren Gräber, die durchaus auch auf den ersten Blick als solche zu erkennen waren. Judie erzählte, dass die Bewohner eines Dorfes egal wo beigesetzt werden dürfen. Einzige Voraussetzung, das Grab muss sich auf dem Gebiet des Dorfes befinden.

Dass es sich um ein neues Grab handelte, erkannte man daran, dass zum einen noch überall rote Papierfetzen rumlagen. Überreste der Böller, die zur Bestattung gezündet werden. Zum anderen stand auf dem Grab ein „Skelett“ eines Sarges.

Das China hier ist schon ein anderes. So viel mehr das Bilderbuch-China, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Dass das super moderne Shanghai, das New York locker den Rang als eine der aufregendsten Städte der Welt abnehmen kann, nur zwei Flugstunden entfernt ist – kaum zu glauben.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai. Ende Juli 2020 hat Nicole mit schwerem Herzens Shanghai verlassen. Aber nicht für immer. Sie hat in der Stadt wunderbare Freundschaften geschlossen und es gibt noch so viel zu entdecken .



×Scan to share with WeChat