(#69) Das Embankment House und seine Geschichten

Ich hatte Euch versprochen, noch mal mehr über das Embankment House zu erzählen. Ihr erinnert Euch?

Zum Embankment House kann man zahlreiche Geschichten erzählen und ich werde sie jetzt mal versuchen, ALLE für Euch zusammenzustellen. Wobei ich mir ganz sicher bin, dass es noch zahlreiche weitere Geschichten gibt, die niemand weiß. Wie das eben so ist in so einem großen Haus.

Fertiggestellt wurde das Embankment House am Suzhou River, ganz in der Nähe des Bundes, 1932. Mit seinen 194 Wohnungen über acht Etagen war es seinerzeit das größte Apartmentgebäude Asiens. Niemand anderes als Victor Sassoon, der Mann, der das Stadtbild Shanghais so nachhaltig geprägt hat, hatte den Bau in Auftrag gegeben. Und damit wären wir auch schon bei der ersten Geschichte.

Das Haus hat eine ganz eigenen Form. Die einen behaupten, es wäre eine „5“. Andere, es hätte die Form eines „S“ und stünde für „Sassoon“. Passend dazu wird auch behauptet, dass das Peace Hotel am Bund, ein weiteres von Victor Sassoon erbautes Gebäude, den Grundriss eines „V“ hat. Angeblich wollte Sassoon sich oder vielmehr seine Initialen im Stadtbild Shanghais verewigt haben. Ehrlich gesagt, finde ich die Geschichte mit den Initialen schöner als die mit der „5“. Also ich glaube, dass es ein „S“ ist.

Als in den 1930er Jahren knapp 20.000 jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und Polen nach Shanghai strömten, weil dies der einzige Ort war, der kein Visum verlangte, war das Embankment House für viele der erste Anlaufpunkt. Victor Sassoon, selbst Bagdad-Jude, hatte einen Teil der zweiten Etage in eine Art Auffanglager für Geflüchtete verwandelt. Alle neu Angekommenen wurden hier registriert und mit Decken, Kleidung und Essen versorgt. Wer noch keine Unterkunft hatte, wurde hier so lange beherbergt, bis sie/er eine Bleibe – in aller Regel im nahegelegenen jüdischen Viertel – gefunden hatte.

Nach dem Krieg wurden hier im Embankment House die ausländischen Mitarbeiter*innen der UNRRA, die United Nations Relief & Rehabilitation Administration, untergebracht. Diese Organisation war dafür zuständig, die geflohenen Juden umzusiedeln.

1949 ging das Embankment House in den Besitz der chinesischen Regierung. Diese veranlasste erst mal, dass aus den 30 Apartments pro Etage 96 gemacht wurden. Ja, Ihr lest richtig. Plötzlich lebten nicht mehr 30 Familien auf einer Etage, sondern 96! Zusätzlich wurden in den 1970er Jahren auf die ursprünglich sechs Etagen noch drei weiter gesetzt. 2004 wohnten hier mehr als 2.000 Menschen, was uns zur dritten Geschichte bringt. Erst 2015 beendete China seine in den 1980ern eingeführte Ein-Kind-Politik. Wer mehr als Kind hatte, musste hohe Strafen zahlen oder hatte andere Folgen zu fürchten. Verhüten war also sehr wichtig und die Regierung durchaus gewillt das zu unterstützen. Daher lagen auf den Briefkästen im Eingang immer unzählige Kondome gratis für alle aus. Daran erinnert heute nur noch ein Kondomautomat. Denn obwohl Paare heute mehr als ein Kind haben dürfen, wollen die meisten nicht mehr als eines. Shanghai ist teuer. Die Ausbildung eines Kindes kostet ein Vermögen. Dann ist es ingesamt preiswerter, am Automaten immer mal wieder in Kondome zu investieren.

Das Embankment House ist übrigens in den vergangenen Jahren bei Ausländer*innen immer beliebter geworden. Viele Apartments sind daher wieder zurückgebaut worden.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai. Ende Juli 2020 hat Nicole mit schwerem Herzens Shanghai verlassen. Aber nicht für immer. Sie hat in der Stadt wunderbare Freundschaften geschlossen und es gibt noch so viel zu entdecken .



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