(#70) Wet markets – so viel besser als ihr Ruf

In Shanghai gibt es an fast jeder Ecke einen Wet Market!

Spätestens seit Corona haben wet markets, insbesondere die Chinas, einen ganz schlechten Ruf. Der Begriff „wet market“ ist schon fast ein Synonym für Covid-19. Das wird den wet markets Chinas aber nicht gerecht. Denn wet market ist nicht gleich wet market. Es gibt sehr viele verschiedene Arten von wet markets und nicht alle wet markets verkaufen das gleiche.

Aber lasst mich mit einer Begriffserklärung anfangen. Der Begriff „wet market“ ist darauf zurückzuführen, dass die Böden in diesen Märkten oftmals nass sind, weil die Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Ware waschen und weil die Marktböden am Ende des Tages mit dem Schlauch gereinigt werden. Er kommt aber auch daher, dass auf diesen Märkten „nasse Dinge“ wie Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und manchmal auch lebende Tiere verkauft werden. Also im Großen und Ganzen das gleiche wie ein Wochenmarkt. Ja, es gibt auch Märkte, auf denen wilde Tiere verkauft werden, aber die sind äußerst selten. Ich habe so einen noch nicht gefunden. Weder in Shanghai noch in Guilin, wo ich selbstverständlich auch auf einem Markt, einem der typischen Bauernmärkte, war und etwas Obst eingekauft habe. Die Bauern verkaufen hier an bestimmten Tagen in der Woche ihr am Morgen frisch geerntete Obst und Gemüse und das Fleisch ihrer Tiere.

In Shanghai gibt es an fast jeder Ecke einen wet market. Mal ist es ein kleiner Laden, wie „meiner“ direkt bei uns um die Ecke. Der Laden ist maximal zwei Meter breit, dafür aber um so tiefer. In den Regalen an den Seiten und in der Mitte stapelt sich das Gemüse und etwas Obst. Es gibt hier alles, was man für die chinesische Küche braucht. Lange Bohnen, grüner Spargel, Knoblauch, Ingwer, Kürbis, Zucchini, Tomaten, chinesische und „normale“ Gurken und noch so vieles mehr. Je nach Saison. Selbstverständlich gibt es hier aber auch Eier. Im hinteren Bereich steht ein großer Korb, aus dem man sich bedienen kann. Eier werden hier nicht in Eierkartons verkauft, sondern man nimmt sich so viele wie man braucht und packt diese in eine Plastiktüte. Am Ausgang wird alles gewogen und dann wird wahlweise bargeldlos mit Alipay, WeChatPay oder hier sogar noch bar bezahlt. Jedes Mal, wenn ich dort einkaufe, frage ich mich, wie der Laden bei den Preisen überleben kann. Aber es hier auch immer voll. Die chinesischen Ayis schieben sich gemeinsam mit mir durch die zwei Gänge und beobachten immer wieder verwundert, was ich denn da so alles einkaufe.

Es gibt auch wet markets, die eigentlich gar nicht den Namen „market“ verdienen. Das ist dann einfach eine ausgebreitete Plane, auf der die angebotene Ware liegt. Dieser Verkaufsstand wird morgens auf- und abends wieder abgebaut.

Und dann gibt es noch die ganz großen wet markets. Hier gibt mehrere Stände. Stände, die ausschließlich Obst und Gemüse anbieten. Alles ordentlich sortiert und ansprechend drapiert. Jeder Apfel, jede Apfelsine, jeder Pfirsich und jedes andere Obst, das leicht Schaden nehmen kann, einzeln in ein dickeres Schutznetz gepackt. Mülltechnisch vielleicht nicht optimal, aber daran wird ja bekanntlich gerade gearbeitet.

Stände, wo man unterschiedliche Nudelarten finden kann. Dicke Nudeln, dünne Nudeln, runden Nudelteig für Dumplings, quadratischen Nudelteig für Frühlingsrollen. Oftmals kann man im hinteren Bereich dieser Nudelstände noch sehen, wie der Teig vor Ort zubereitet wird.

Es gibt Stände mit den unterschiedlichen Tofuarten. Seidentofu, der hier seinem Namen alle Ehre macht. Kein Vergleich zu dem Seidentofu, den man in Deutschland bekommt. Es gibt aber auch getrockneten Tofu oder geräucherter Tofu. Nicht zu vergessen, die unterschiedlichen Fleischstände. Einer für Schweinefleisch, einer für Rindfleisch und natürlich einer für Hühner- und/oder Entenfleisch. Die Besonderheit hier: Es wird nicht nur das Fleisch verkauft, sondern alles. Von den Füßen über die Gedärme und Innereien bis zum Kopf/Schnabel. Sogar das Blut wird gestockt und für die Suppe verkauft. Ekelig? Auf den ersten Blick, ja. Auf den zweiten muss ich zugeben, dass ich es bewundernswert finde. Wenn das Tier schon sterben muss, dann sollte man es auch komplett verwerten. Die Chines*innen zeigen uns, dass das möglich ist.

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Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.