(#77) Möbel, die eine Liebesgeschichte erzählen

Im Donghu Hotel stehen ein chinesischer Drachentisch, zwei Drachenstühle und eine Bank, sowie zwei Beistelltische aus Buchsbaumholz!

Hört sich erst mal nicht spektakulär an, aber weltweit sind nur noch drei komplette Arrangements dieser Art erhalten. Das und die Geschichte, die sie erzählen, machen sie allerdings sehr sehenswert.

Die Rückenlehnen der Bank und der Stühle sowie die Oberflächen der Tische erhalten feine Schnitzereien, die eine der bekanntesten Liebesgeschichte der Mongolenzeit, wenn nicht sogar das wichtigste Drama Chinas erzählen – „Das Westzimmer“. Darüber wer es geschrieben hat, ist man sich nicht einig. Die meisten gehen aber davon aus, dass Wang Shifu, der Ende des 13. Jh. in Beijing lebte, der Autor ist.

Das Drama erzählt die Geschichte der geheimen Liebesbeziehung zwischen Zhang Sheng, ein junger Gelehrter, und Cui Yingying, Tochter eines hohen Beamten am Hof der Tang. (Erinnert etwas an Romeo und Julia.) Die beiden begegnen sich das erste Mal zufällig in einem buddhistischen Kloster. Yingying und ihre Mutter, die den Sarg von Yingyings Vater in dessen Heimatstadt begleiten, machen hier Rast. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Da Yingyings Mutter ihre Tochter aber keinen Augenblick aus den Augen lässt, schreibt Zhang Sheng ein Liebesgedicht für Yingying und liest ihr dieses hinter einer Mauer versteckt vor. Er ist aber nicht der einzige Verehrer.

Auch Sun, ein Gangster aus dem Ort, hat von Yingyings Schönheit erfahren. In der Hoffnung, Yingying zur Gemahlin zu bekommen, schickt er seine Gangsterkumpanen, das Kloster zu umzingeln. Yingyings Mutter ist in Panik und verspricht demjenigen die Hand ihrer Tochter, der die Gangster vertreibt. Zhang Sheng holt seinen Freund aus Kindertagen, General Du, zu Hilfe. Nachdem die Gangster vertrieben worden sind, will sich Yingyings Mutter aber nicht mehr an ihr Versprechen erinnern. Sie behauptet, Yingying sei schon mit dem Sohn eines hohen Beamten verlobt.

Yingying und Sheng ist verzweifelt. Glücklicherweise hat Yingyings Kammerzofe, Hongniang, Mitleid mit den beiden und organisiert ein heimliches Treffen. Als Yingyings Mutter davon erfährt, stimmt sie dann doch einer formalen Eheschließung zu. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Zhang in die Hauptstadt reist und dort die Beamtenprüfung ablegt. Zhang besteht die Prüfung mit Bravour und wird in ein hohes Amt berufen. Das Stück damit, dass die beiden Liebenden heiraten.

Jetzt kennt Ihr die Geschichte auf den Möbeln. Ziemlich spannend war aber auch, wie Alex und ich nicht nur die Möbel gefunden haben, sondern auch, wie wir sie fotografiert haben. Denn das alles hatte schon etwas von Detektivspielen und Shooting. Ich hatte in einer kleinen Broschüre von den Möbelstücken gelesen. Wir also rein in das Hotel und erst mal so gemacht, als wären wir Gäste. In Coronazeiten kommt man nicht unbedingt überall rein. Schon gar nicht als Langnase. Aber in ein Hotel kommt man als Langnase wiederum eher rein als als Chines*in. Nachdem wir das Erdgeschoss komplett durchsucht hatte, habe ich dann doch mal vorsichtig nachgefragt. Zunächst hieß es, die Möbel wären in einem Hotelzimmer, dann stellte sich aber heraus, dass sie doch einfach auf dem Flur im ersten Stock standen. Schade, Hotelzimmer hätte ich spannender gefunden. Wir also hoch und voilà, da standen sie. Ordentlich arrangiert. Jetzt brauchten wir nur noch das perfekte Foto. Dafür ist Alex zuständig. Also wurden Möbel gerückt, immer in der Hoffnung, dass uns keine Kamera beobachtet und auch sonst niemand kommt. Und wie immer hat Alex vollen Einsatz gezeigt.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.