(#79) Was für ein Tag!

Alex und ihr Sohn Max drehen mit mir einen Film: „Nicole in Shanghai“!

Am Dienstag waren wir schon gemeinsam in Qibao unterwegs. Ich wusste, dass Alex professionell ausgestattet ist, aber so professionell. Allein der Aufbau des Equipments hat schon fast eine Stunde gedauert. Eine Stunde, in der ich ausreichend Zeit hatte, mir zu überlegen, was für eine doofe Idee es war, mich vor eine Kamera zu stellen. Mir ging so was von die Düse. Aber je länger wir unterwegs waren, desto mehr Spaß hat es gemacht. Klar, dass ich mich auf den Donnerstag gefreut habe. Denn Donnerstag war Wulumuqi Road angesagt. Los ging’s!

Klappe die erste: Nicole fährt los. (Max saß im Kofferraum des Vans und hat mich gefilmt.)

Klappe die zweite: Nicole fährt durch die Former French Concession. (Max hing aus dem Fenster und hat mich gefilmt. Keine Ahnung, wer mehr Spaß hatte. Der Fahrer, Max, Alex oder ich.)

Klappe die dritte: Nicole läuft durch die Wulumuqi. Im Feiyue Laden vorbei, um die neueste Kollektion Sneakers anzuschauen. Weiter zu meiner Lieblingsobstverkäuferin und dann noch zu meinem kleinen Lieblingsnudelladen. In dieser schnelllebigen Stadt werden diese Läden immer seltener. Für mich sind sie ein Teil chinesischer Kultur und so unglaublich authentisch. Dieser Laden ist etwas nach hinten versetzt. Man muss wissen, dass es ihn dort gibt.

Als wir ankamen, war das Hauptgeschäft wohl schon durch. Die übrig gebliebenen Nudeln lagen abgedeckt auf dem Tisch vor dem Laden. Der Besitzer lag schlafend im Innenraum und nahm keinerlei Notiz von uns.

Wer aber von uns Notiz nahm, war Lou Shiqi. Eine junge Frau, die sich als Drehbuchautorin selbstständig gemacht hat und jetzt auf ihren großen Durchbruch hinarbeitet. Sie wollte wissen, was wir machen und bot uns dann sponta an, uns ein wenig zu den Nudeln zu erklären. Es kam aber noch besser. Sie war so begeistert von uns und unserem Projekt, dass sie uns ihrer Lieblingsplätze auf der Wulumuqi zeigen wollte. Der Nudelladen gehört nämlich nicht nur zu meinen, sondern auch zu ihren Lieblingsläden.

Vom Nudelladen ging es an einem kleinen Restaurant vorbei weiter zu einem Stand, der geräucherte Enten verkauft. Das Besondere an diesem Laden: Morgens hat er einen anderen Betreiber als Mittags. Von 6 Uhr morgens bis 14 Uhr wird aus diesem Laden heraus Frühstück verkauft. Ab 15 bis 22 Uhr Ente. Nächster Halt – ein kleiner Schreibwarenladen. Genial, denn hier konnten wir dann Aufnahmen von Schreibheften machen, die chinesische Kinder zum Erlernen der Schriftzeichen benötigen.

Wir dachten, das wäre es gewesen und haben Shiqi noch auf einen Kaffee eingeladen. Beim Kaffee dann die ganz große Überraschung. Shiqi hat uns eingeladen, uns ihre Wohnung zu zeigen. Für alle, die noch nie in China waren: Chinesen laden grundsätzlich nicht nach Hause ein. Privat ist privat. Nur in ganz großen Ausnahmefällen und auch nur, wenn sie jemanden echt gut kennen, darf man mal zu einer chinesischen Familie nach Hause. Ihr könnt Euch vorstellen, dass Alex, Max und ich die Einladung mehr als gerne angenommen haben.

Shiqi wohnt direkt um die Ecke von dem Café, in dem wir waren. In einem Lilong – einer dieser typisch chinesischen Nachbarschaften. Durch das Tor durch – in aller Regel muss man durch ein Tor, um in eine Nachbarschaft zu kommen. Am Tor sitzen dann auch immer die Guards, die darauf achten, dass nur die reinkommen, die hierher gehören. Am Eingang Links ein unscheinbarer, kleiner Friseurladen, rechts ein Tattoostudio. Ein paar Häuser weiter ein Fotostudio, in dem auch mal Workshops für die Kinder aus dem Lilong angeboten werden. Noch ein paar Häuser und wir waren da. Rechts ging es in einen relativ dunklen Hauseingang und eine steile Holztreppe nach oben. Hinter jeder Tür wohnte jemand anderes – eine Malerin, eine Regisseurin und noch etliche andere Freelancer, die in dieser Stadt ihr Glück suchen. Auf einer Zwischenetage eine Tür mit einem Vorhang davor. Hier wohnt Shiqi. Wir sollten aber noch kurz warten. Etwas aufräumen wollte sie dann doch noch. Shiqi wohnt in nur einem Zimmer. Kein eigenes Bad. Keine eigenen Küche. Nur ein Zimmer. Mit einem großen Bett, einem schmalen Schrank, einem kleinen Schreibtisch, der wahlweise auch als Esstisch genutzt werden kann, einem Stuhl und einem Kühlschrank. Ihre Küche, die gleichzeitig auch ihr Badezimmer ist, ist noch mal zwei Etagen höher, auf der Dachterrasse. Im vorderen Bereich des schmalen Raums stehen links ein Reiskocher und eine Kochplatte mit einem Wok. Im hinteren Bereich befindet sich die Toilette und eine Dusche. Bei schönem Wetter sitzt Shiqi auf der Dachterrasse, um hier zu essen oder auch einfach nur, um sich hier Inspiration zu holen. Sie kann von hier aus ihre Nachbarn beobachten und hören, was sie reden. Toller Stoff für ihre potentiellen Drehbücher.

Also mal sehen, ob wir noch von ihr hören. Auf jeden Fall hat sie uns einen unvergesslichen Tag bereitet.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.