(#82) Sieben Tage Tibet – auf 4.298 Metern Höhe

Von Kangding ging es weiter nach Tagong!

Allerdings nicht alles alles mit dem Fahrrad. Um nach Tagong zu kommen, mussten wir nämlich über den Zheduo Mountain Pass und der liegt auf 4.298 Metern Höhe. Zwar hatte noch keine*n von uns die Höhenkrankheit gepackt, aber wir merkten schon alle fünf recht deutlich, dass wir kurzatmiger wurden. Abgesehen davon, hätte wir auch ohne Kurzatmigkeit nicht so viele Höhenmeter mit dem Fahrrad erklimmen können/wollen. Also hat uns Jeremy mit dem Van ganz nach oben gebracht.

Leider war es hier oben alles eher ein grau in grau. Farbe ins Spiel gebracht haben tausende von Gebetsfahnen, die ganz oben auf dem Berg im Wind flatterten.

Ich habe mich immer gefragt, was es mit diesen Gebetsfahnen auf sich hat. Jetzt weiß ich es: Im tibetischen Buddhismus ist eine der Grundfragen, die, warum der Mensch nur selten glücklich ist und warum diese glückserfüllten Momente nicht von Dauer sind. Die Antwort darauf lautet: Die Unwissenheit und die mangelnde Weisheit der Menschen lässt sie Dingen nachjagen, von denen sie hoffen, dass sie ihnen gut tun und sie ihre negativen Emotionen vergessen lassen.

Die tibetischen Gebetsfahnen sollen hier die Lösung bringen. Eine jede Gebetsfahne besteht aus fünf farblich unterschiedlichen Teilfahnen: weiß, blau, gelb, rot und grün. Jede Farbe steht für eine bestimmte Emotion, von der man ausgeht, dass sie hinderlich ist.

Weiß steht für die Unwissenheit
Blau für den Zorn
Gelb für Stolz und Egoismus
Rot für die Begierde
Grün für Geiz, Habgier und Neid

Die blaue Fahne soll also Zorn in die Weisheit umwandeln, innere und äußere Dinge wahrzunehmen, ohne dass das „Innere“ geschüttelt wird, man also in den Dingen ruht.

Das häufigste Motiv auf den Gebetsfahnen ist das „Lungta“ – Windpferd, welchen auf seinem Rücken drei Juwelen trägt. Diese stehen für Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der Praktizierenden. Die Schriftzeichen auf den Gebetsfahnen sind Wünsche. Damit diese Wünsche auch wirklich erfüllt werden, müssen die Gebetsfahnen so lange im Wind wehen, bis sie sich vollständig aufgelöst haben.

Zurück zu unserer Tour. Für unsere Männer ging es von hier aus bergab. Wir Frauen hatten uns erst mal noch für den Van entschieden. Es hat geregnet und manchmal bin ich dann halt doch aus Zucker. Aber schon nach wenigen Kilometern hat es aufgehört zu regnen und sobald wir unsere Männer wiedergefunden hatten, sind dann auch Helene und ich auf die Räder gestiegen. Was soll ich sagen: Der Beginn einer neuen Leidenschaft. Ich wollte gar nicht mehr vom Fahrrad runter. Nicht nur, dass ich schon immer gerne Fahrrad gefahren bin. Fahrradfahren in dieser traumhaften Landschaft ist unbeschreiblich schön.

Entlang der Straße rechts und links grasten Yaks. Große Natursteinhäuser – die Fenster kunstvoll verziert und weiß eingerahmt säumten den Weg. Immer mal wieder ein Tempel – direkt an der Straße oder etwas nach hinten versetzt. Vorbei an einem riesigen Lavendelfeld, in dem sich selbstverständlich Brautpaare fotografieren ließen. Auch hier! Grüne Hügel wechselten sich mit groben Felsen ab. An den kleinen Bächen, die aus den Bergen ins Tal flossen, waren zahlreiche Gebetsmühlen (hierzu in schreibe ich in einem der nächsten Beiträge mehr) errichtet worden und überall Menschen, die uns Langnasen neugierig anschauten, aber auch immer freundlich und anerkennend zuwinkten.

Jeremy hatte uns schon auf dem Weg von Chengdu nach Kangding für den heutigen Tag tausende bunte Malereien an Felsen versprochen. Malereien des Amitayus Buddha, Schriftzeichen und andere religiöse Motive. Aber leider waren alle mit grauer Farbe übermalt worden. Man erzählte uns, dass die Regierung vor wenigen Monaten 10 Mann geschickt hätte, die damit beauftragt worden waren, die Felsmalereien zu vernichten.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai. Ende Juli 2020 hat Nicole mit schwerem Herzens Shanghai verlassen. Aber nicht für immer. Sie hat in der Stadt wunderbare Freundschaften geschlossen und es gibt noch so viel zu entdecken .



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