Shanghai Talk³

Im Rahmen der Shanghai Expat Show haben wir drei Expats zum Gespräch über Shanghai und manches mehr getroffen. Gemeinsam ist allen lediglich der berufliche Hintergrund – sie sind für den DCS-Partner DDS Dental Care tätig als Kieferorthopäde, Zahnärztin und Hygieneberaterin. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sind unterschiedlich lange hier und haben auch ganz andere Erfahrungen gemacht. Die DCS-Redaktion hat  Fragen auf Deutsch und Englisch gestellt und hier für unsere Leser übersetzt.

Herzlich willkommen, Dr. Ian Matthew Anderson, Dr. Kübra Bunte und Monika Scheurell – schön Sie alle Drei hier zu treffen und danke, dass Sie sich Zeit nehmen, unseren Lesern einen kleinen Einblick in Ihr (Shanghai-) Leben zu geben. Wir hoffen, es ist in Ordnung, wenn wir Sie im Lauf des Gesprächs einfach beim Vornamen nennen?  Wir haben 10 Fragen für Sie vorbereitet und würden gerne gleich mit der ersten anfangen.

Woher sind Sie ursprünglich und was verschlug Sie wann hierher?

Ian: Ich komme aus Großbritannien und bin schon vor 10 Jahren in Shanghai gelandet. Ich hatte großes Interesse etwas von der Welt zu sehen und durch Zufall bin ich der Faszination Chinas erlegen.

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Dr. Kübra Bunte

Kübra: Aufgewachsen bin ich an der „Brücke zwischen West und Ost“ … Wie Sie vielleicht schon erraten können, meine ich damit Istanbul. Vor genau einem Jahr haben mein Partner und ich uns in unser Abenteuer in Shanghai gestürzt.

Monika: Ich bin aus Norderstedt, in der Nähe vom schönen Hamburg. Mein Mann wurde vor gut fünf Jahren nach Shanghai entsandt, zwei unserer drei Töchter und ich sind damals mitgekommen.

Ist Shanghai Ihr erster längerer Auslandsaufenthalt?

Monika: Ja.

Kübra: Bei weitem nicht (lacht). Mein Studium habe ich zwar noch in der Türkei begonnen, dann aber an der Universität von Barcelona abgeschlossen, wo ich auch Spanisch und Katalanisch gelernt habe. Bis zu unserem Umzug nach Shanghai habe ich in Deutschland als Zahnärztin gearbeitet, so dass ich nun mittlerweile fünf Sprachen fließend spreche.

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Dr. Ian Matthew Anderson

Ian: Ich hatte das Riesenglück, 1998 im Südosten Indiens leben zu dürfen und das war für mich wie eine Initialzündung. Seitdem habe ich große Freude daran, die Welt zu bereisen.

Bitte ergänzen Sie: Wenn ich nicht in der Zahnmedizin gelandet wäre, dann wäre ich…

Wenn ich kein Kieferorthopäde wäre, wäre ich Ruderer im Olympia-Achter (zwinkert). Natürlich nur, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte. (Ian)

Schwer vorzustellen, aber vielleicht wäre ich Reisefotografin und würde Bilder aus fernen Ländern veröffentlichen… Oder ich wäre im Hotelgewerbe – natürlich nur an den schönsten Flecken der Erde 😊 (Monika)

… eine Pilotin, die Sie nach Shanghai oder in den Urlaub fliegen würde. Ich hätte tatsächlich die Möglichkeit dazu gehabt, habe mich aber für die Zahnmedizin entschieden. (Kübra)

Wofür “brennen” Sie beruflich und/oder privat?

Kübra:  Die Mischung aus Ästhetik, Handwerk und Medizin hat mich seit meiner Jugend an der Zahnmedizin fasziniert. Meine Leidenschaft ist es anderen zu helfen und ihnen mehr Wohlbefinden und Selbstbewusstsein zu schenken. Deswegen war ich nach meinem Studium auch ehrenamtlich für „Zahnärzte Ohne Grenzen“ an der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik unterwegs.

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Monika Scheurell

Monika: Ich liebe meinen abwechslungsreichen Beruf sehr und mag es, immer wieder neue Menschen kennen zulernen, auf die ich gerne eingehe. Privat bin ich sportbegeistert, ich gehe gern ins Kino, in Konzerte oder Musicals. (Auf Nachfrage der Kollegen) …  Ach ja… hätte ich fast vergessen: Ich liebe es zu fotografieren und schleppe dafür meine Ausrüstung und allerlei Accessoires auch schon mal durch die ganze Stadt (lacht)!

Ian: Beruflich bin ich leidenschaftlicher „smile artist“. (Anmerkung der Redaktion: dieser wunderbare Ausdruck ist unübersetzbar. Dr. Ian meint damit die Kunst, seinen Patienten zu einem strahlenden Lächeln zu verhelfen.) Außerhalb der Arbeit bin ich ein nicht weniger leidenschaftlicher Sportler.

Was gefällt Ihnen besonders am Leben hier in Shanghai?

Ian: Was ich sehr an Shanghai schätze ist, dass die „tektonischen Platten“ des Lebens hier immer in Bewegung sind. Von Jahr zu Jahr wächst und verändert sich die Stadt in einer so positiven Art und Weise, und ich hoffe, dass wir alle, die wir Shanghai unser „Zuhause“ nennen, das ebenso tun.

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Dr. William Xu (li.) & Dr. Kübra Bunte (re.)

Kübra: Shanghai ist eine faszinierende Metropole, die Vielfalt und ständigen Wandel bietet. Diese Dynamik zusammen mit der spektakulären Skyline und der großen Auswahl an Restaurants machen sie zu einer meiner Lieblingsstädte.

Monika: Die vielen Möglichkeiten essen und feiern zu gehen, die vielen Bars… Und natürlich WeChat und WeChat Wallet und Alipay – ich kann hier ohne mein Portemonnaie ausgehen und brauche nur mein Handy!

Und was mögen Sie am Leben hier nicht so sehr?

Ian:  Was ich weniger gern an Shanghai mag ist, dass viele Freunde die Stadt im 3- bis 5-Jahres-Rhythmus verlassen. Es wird auch nie einfacher „goodbye“ zu sagen…

Monika: Den Verkehr! Ich habe den Eindruck, alle fahren wie sie wollen, nicht wie sie sollen! Mittlerweile habe ich aber schon eine Art „Radar“ entwickelt wie die anderen Verkehrsteilnehmer reagieren könnten. (Anmerkung der Redaktion: Monika stellt sich dem Shanghaier Verkehr fast täglich auf ihrem E-Scooter oder Fahrrad und scheut auch nicht vor längeren Fahrten zurück.)

Kübra: In Deutschland hatte ich den schönen Bodensee vor der Tür und die Alpen im Blick. Diese Nähe zur Natur fehlt mir hier.

Gibt es eine nette Geschichte aus Ihrem Expat-Alltag hier in Shanghai?

Monika: Meine erstaunlichste ist diese: Eines Tages ist unsere Waschmaschine kaputt, Techniker kommen, bauen alles komplett auseinander, der ganze Fußboden ist mit einem Chaos von Teilen bedeckt…!!! Sie finden den Fehler, besorgen das Ersatzteil, bauen die Maschine wieder zusammen und, oh Wunder! – kein Teil bleibt übrig.

Kübra:  Ja, eine ganz witzige sogar. Vor kurzem traf ich in einem Nagelsalon eine „Westlerin“, die mir sehr sympathisch erschien. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie auch aus Deutschland kommt, auch in der Zahnmedizin gearbeitet hat, fast genauso alt ist wie ich … und noch dazu mit ihrem Mann im selben Compound wohnt wie wir!! Wie sagt man so schön…?! „Die ganze Welt ist ein Dorf!“

Ian: Großartige Frage! Höchst faszinierend finde ich, dass mich 90% aller Chinesen die ich zum ersten Mal treffe, fragen ob ich aus Deutschland komme. Ich muss wohl irgendwie etwas Bayrisches in mir haben (lacht).

Wie könnte ein perfekter freier Tag in Shanghai für Sie aussehen?

Ian:  Morgens richtig ausschwitzen im Gym. Zum Afternoon Tea ins frühere Britische Konsulat am Bund. Und dann später noch eine wohltuende, therapeutische Rückenmassage.

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Monika Scheurell

Monika: Früh aufstehen um den Sonnenaufgang über Pudong zu fotografieren und die Menschen, die um diese Uhrzeit schon Tai-Chi machen. In einem netten Hotel frühstücken, mit dem Fahrrad die Pudong Promenade entlangfahren, mit der Fähre übersetzen und zum Afternoon Tea ins Peace Hotel gehen. Eine schöne Massage, dann ein leckeres Dinner im „Lost Heaven“ sowie ein Drink auf deren Dachterrasse machen den Tag für mich perfekt.

Kübra: Ich verbringe viel Freizeit mit meinem Forschungsprojekt. In der übrigen Zeit treibe ich viel Sport, spiele klassische Geige, male Ölgemälde, treffe Freunde, gehe auf Konzerte und erkunde Shanghai.

Hat etwas aus dem chinesischen Alltagleben oder der Kultur auf Sie abgefärbt, was Ihren Freunden Zuhause vielleicht seltsam vorkommen könnte?

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Shanghai Expat Show

Ian: Ja, tatsächlich habe ich schon einige chinesische kulturelle Eigenheiten angenommen. Wenn man mich zum Beispiel nach meinem Alter fragt, zähle ich automatisch schon ein Jahr dazu, genau wie die Chinesen. Wenn sie ihr Alter berechnen, rechnen sie die neun Monate im Bauch nämlich immer mit. Super interessante Gewohnheit, die auf mich abgefärbt hat! Fragt mal eure chinesischen Freunde danach! (Anmerkung der Redaktion: Das könnte komplex werden, da das Alter auch noch nach den chinesischen Sternzeichen unterschieden wird. Man muss also auch noch berücksichtigen, ob man vor oder nach Chinese New Year geboren ist… 😊)

Kübra: Ich sehe Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen türkischer und chinesischer Kultur, aber ich bin wohl noch zu kurz hier, um mir schon etwas angeeignet zu haben. Ergänzt lachend: Nach vielen Jahren in anderen Ländern Europas habe ich allerdings von diesen Aufenthalten schon etliches angenommen – unter anderem meinen deutschen Nachnamen.

Monika: Ja, habe ich, ich zähle an einer Hand bis 10 (macht es vor), mit Kabelbindern und Klebeband kann ich alles reparieren und Sushi schmeckt nur mit „kuaizi“ (Stäbchen). Manchmal ist mein Fahrstil in Deutschland auch schon etwas „chinesisch“… (schmunzelt etwas schuldbewusst)

Herzlichen Dank Dr. Ian, Dr. Kübra und Monika, das war eine abwechslungsreiche Runde. Nun zum Schluss bitte noch einen Tipp von Ihnen für all diejenigen, die neu in der Stadt sind.

Kübra:  Shanghai ist eine sehr offene und einladende Stadt, die für jeden etwas zu bieten hat. Auch wenn es etwas dauern mag bis Sie sich eingewöhnen, das Gute ist: Die Expat Communities hier sind eng vernetzt, wir unterstützen uns alle immer gegenseitig, so dass sich keiner alleine fühlen muss.

Monika: Seid aufgeschlossen und neugierig, es ist vieles anders hier, man kann es nicht ändern, nur akzeptieren! Traut euch raus aus euren Häusern und Apartments, ihr „werdet gefunden“ und das social network vergrößert sich sehr schnell.

Ian: Reist so viel ihr könnt, schließt Freundschaften mit Leuten aus der ganzen Welt und denkt dran: Auch mal relaxen und eine Rückenmassage machen. 😊

 

Bildnachweise: (c) Dr. Ian Matthew Anderson, Dr. Kübra Bunte,  Monika Scheurell, DDS Dental Care