(#81) Sieben Tage Tibet – In Kangding piepst es

Wir waren da! Zumindest fast. In Tibet!

Sieben Tage sind wir mit Manfred und Helene auf Fahrrädern durch das östliche Tibet gefahren. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen und es war definitiv nicht der letzte Urlaub in genau dieser Konstellation. Wir haben schon eine Liste erstellt, damit wir uns bei unserem nächsten Aufenthalt in Deutschland aufrüsten können.

Unsere Tour startete in Chengdu. Wir waren uns nicht so ganz sicher, ob es aufgrund von Corona kompliziert werden würde. Aber alles war super entspannt. Bei unserer Ankunft in Chengdu mussten wir noch nicht einmal einen QR-Code zeigen. Aus dem Flieger raus, Gepäck abholen und fertig. Die erste Hürde war überstanden. Jetzt mussten wir „nur“ noch unsere Freunde und unseren Guide, Jeremy, finden. Jeremy lebt seit vielen Jahren in Chengdu und bietet Wander-, Motorrad-, aber eben auch Fahrradtouren auch Sichuan an. Er hatte uns schon im Vorfeld darauf vorbereitet, dass es Komplikationen geben könnte, aber alle vier freuten wir uns auf das Abenteuer.

Die erste Komplikation bestand darin, ihn zu finden. Immer wenn er einen Platz gefunden hatte, an dem er auf uns warten konnte, hat ihn die Polizei vertrieben. Aber irgendwann hat es dann geklappt und vor uns stand Jeremy mit seinem chinesischen Van. Da wir befürchten mussten, dass die Polizei uns eventuell verbieten würde, nach Osttibet zu fahren, hatte Jeremy unsere vier Fahrräder in den Van geladen. Viel Platz für unser Gepäck, geschweige denn uns, war nicht mehr. Also Helene und Manfred auf die Rückbank. Mein Mann und unsere Rücksäcke auf die Mittelbank, ich nach vorne und los ging’s. Nach Kangding, wo wir nach vier Stunden Fahrt ankamen.

Kangding liegt auf 2.560 Metern. Für uns Mitteleuropäer*innen nicht mehr ganz so entspannt, aber Manfred hatte Tabletten besorgt. Tatsächlich hatte keine*r von uns Probleme mit der Höhe, dafür hatten mein Mann und ich an unserem ersten Abend ein ganz anderes Problem. In unserem Zimmer zirpte es. Mal kam das Geräusch aus der einen, mal aus der anderen Ecke. Mal hörte es sich so an, als wäre ein Tier unter dem Bett, mal bei dem Sofa. Es musste also ein Tier sein, dass sich ziemlich schnell von einer Stelle zur nächsten bewegen konnte.

Ich also mich bäuchlings auf das Bett gelegt und geschaut. Natürlich mit der nötigen Anspannung, um sofort hochschnellen zu können, sollte mich die Bestie angreifen. Nicht.

Also habe ich ganz vorsichtig die Kissen vom Sofa hochgehoben. Auch hier immer darauf gefasst, von einer Grille oder was auch immer attackiert zu werden. Nichts.

Dann kam mein Mann mit einer Dose. Der Deckel gitterförmig, so dass man reinschauen konnte. Ich hatte Euch ja schon von den Grillen erzählt, die auf dem Insektenmarkt verkauft werden. Er war sich sicher, dass sich in der Dose das Tier befinden würde, das die Geräusche verursachte. Aber wie kam es dann, dass wir das Geräusch aus verschiedenen Ecken wahrnahmen. Die Dose bewegte sich ja nicht und in der Dose bewegte sich auch nichts. Ich wollte den Deckel aber nicht öffnen. So heldenhaft bin ich nicht. Außerdem fand auch ich es nicht ganz abwegig. Vielleicht war ja doch eine Grille drin.

Also weiter auf Jagd.

Nichts.

Um kurz nachzudenken, habe ich mich dann mal auf den Rücken auf’s Bett gelegt. Und siehe da. An der Decke war ein Feuermelder. Man muss dazu wissen, dass uns unser Feuermelder in Deutschland in der Nacht vor meinem Geburtstag mehrmals geweckt hat. Ich mich also schon mal sehr intensiv mit den Dingern auseinander gesetzt habe. Wenn die Batterie fast leer ist, fangen diese Dinger an zu piepsen und genau das war hier auch der Fall. Wir mussten jetzt nur noch den Feuermelder von der Decke montieren und wir hatten unsere Ruhe.

Was in der Dose war? Die Dose war eine Duftdose. Das, was wir in der Dose sehen konnten, waren Reste von dem Duftmittel, das sich über die Zeit wohl auflöst.

Kangding ist übrigens eine kreisfreie Stadt des Autonomen Bezirks Garzê der Tibeter im Nordwesten der chinesischen Provinz Sichuan. Jede*r Chines*in kennt die Stadt, denn das wohl bekannteste chinesische Liebeslied handelt Kangding. Ich habe mal versucht, ihn aus dem Englischen zu übersetzen:

Pferde galoppieren über den Berg und da ist eine Wolke
Der Mond erhellt die Stadt Kangding
Der Mond, der Halbmond. Kangding Stadt.
„Große Schwester“ aus der Familie Li ist ein hübsches Mädchen.
„Großer Bruder“ aus der Familie Zhang verliebt sich in sie.
Der Mond, der Halbmond. Er verliebt sich in das Mädchen.
Er liebt sie, weil sie erstens hübsch ist.
Zweitens weil sie weiß, wie sie sich um ihre Familie kümmern muss.
Der Mond, der Halbmond. Sie weiß, wie sie sich um ihre Familie kümmern muss.
Alle Mädchen der Welt. Lasst mich sie lieben.
Alle Jungs der Welt. Ihr könnt Euch eine aussuchen.
Der Mond, der Halbmond. Er lässt Euch eine aussuchen.

(In China spricht man sich traditionell, vereinfacht gesagt, gemäß der Geburtenfolge an. Also zum Beispiel „Große Schwester“ oder „Großer Bruder“.)

Kangding selbst ist tatsächlich eine schöne Stadt. Mitten in den Bergen. Am Berg am Eingang wunderschöne religiöse Malereien und die Straßenlaternen so ganz anders als überall anders.

Viel haben wir auf dem Weg zu unserer super süßen Unterkunft nicht von der Stadt gesehen. Es war schon spät. Wir waren von Shanghai hierher lange unterwegs gewesen und müde. Aber von der Terrasse unserer Unterkunft aus – eine der wenigen, die bereit war, uns Langnasen aufzunehmen – hatten wir einen tollen Blick.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai. Ende Juli 2020 hat Nicole mit schwerem Herzens Shanghai verlassen. Aber nicht für immer. Sie hat in der Stadt wunderbare Freundschaften geschlossen und es gibt noch so viel zu entdecken .



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