(#76) Frühmorgens am Bund

Hier ist es um 5 Uhr schon taghell!

Wir haben es getan. Wir sind in aller Früh aufgestanden und zum Bund geradelt. Mit wir sind Alex, Steffi und ich gemeint. Alex hatte extra bei mir übernachtet. Wir also um 5!!!! Uhr aus den Federn, nachdem wir versucht hatte, den Abend vorher zeitig ins Bett zu gehen. Hier ist es um 5 Uhr schon taghell! Ganz China hat nur eine einzige Zeitzone. Irgendwo werden die Helligkeitsgrade schon zu den Zeiten passen. Hier in Shanghai nicht.

Allein die Fahrt entlang der Fuxing war schon ein Erlebnis. Shanghai beim Erwachen zuzuschauen ist grandios. Es war so früh, dass erst wenige Ampeln in Betrieb waren. Es waren aber auch tatsächlich nur sehr vereinzelt Menschen auf ihren Lasten- oder normalen Fahrrädern und noch viel weniger Autos unterwegs.

In den Garküchen entlang der Straßen hatte das Leben schon begonnen. Hier lag alles für ein Shanghainese Frühstück to go bereit. Tee-Eier, bāozi (gedämpfte Brötchen mit Füllung), Jianbing (eine Art Crepe mit Ei) , cōngyŏubĭn (Ölpfannkuchen), dòujiāng yóutiáo (frittierte Teigstäbchen) sowie warme Sojamilch.

Je weiter wir in Richtung Bund kamen und je „später“ es wurde, desto lebendiger wurde es auf den Straßen. Etwa auf der Hälfte des Weges dann plötzlich eine ganze Ansammlung orange gekleideter Menschen. In einem meiner letzten Blogs hatte ich von den Platanen in der Former French Concession erzählt. Nun, diese Männer in Orange waren damit beschäftigt, die Platanen zu beschneiden. Wenn man weiß, wie voll es hier auf der Straße werden kann, dann weiß man, wie sinnvoll es ist, das ganz früh morgens zu machen, wenn noch fast niemand unterwegs ist.

Vor lauter Staunen über die langsam erwachende Stadt hatten wir gar nicht gemerkt, dass wir schon am Bund waren. Jetzt mussten wir nur noch die sportlichen Chines*innen finden. Eigentlich darf man nicht auf der Promenade direkt am Wasser fahren, aber wir haben es trotzdem gemacht und siehe da, da standen geparkte Scooter und Fahrräder. Ganz bestimmt waren die nicht dahin geschoben worden. Also haben wir auch unsere Räder abgestellt, um dann zu lernen, dass das bis 7 Uhr durchaus erlaubt ist.

Jetzt mussten wir nur noch die Sportler*innen finden und ganz eigentlich die, die TaiChi machen. Leider keine Chance. Wir haben nicht eine einzige Person gesehen, die das gemacht hätte. Was wir aber gesehen haben und was uns wirklich erstaunt hat, war ein Himmel voller Drachen. Überall standen ältere Männer in kleinen Grüppchen gemütlich plaudernd und kurbelten fleißig an den kleinen Spulen. Um die Drachen zu lenken, lehnen sie sich mal nach rechts und mal nach links. Einer tanzt sogar mit seinem Drachen. Dazu lässt er die Musik auf seinem Handy laufen. Drachen fliegen lassen hat in China eine sehr lange Tradition. In meiner Geschichte über „Das fliegende Pferd“ hatte ich schon in einem meiner ersten Blogs darüber berichtet.

Direkt neben dem tanzenden Drachenflieger ein ältere Mann mit Hut und einem kleinen Kofferradio. Der Hut sollte Teil seiner Übung werden. Mitten auf dem Weg machte er einen Kopfstand, nahm den Hut auf die Fußspitzen und bewegte seine Beine langsam hin und her.

Etwas weiter Richtung Norden eine Mutter, die in schneller Abfolge verschiedene Yogaübungen machte, während ihren beiden Töchtern das bunte Treiben beobachteten. Auf einer Erhöhung ein junger Mann, der mit einem unsichtbaren Gegner boxte und unten ein richtig, richtig alter Mann, der mal ganz locker ein Bein in einem 120, wenn nicht noch mehr, Grad Winkel nach oben auf einen Mauervorsprung gelegt hatte. Und immer wieder rückwärtslaufende Menschen. (Habt Ihr schon mal versucht, einen Menschen, der rückwärts läuft, zu fotografieren? Macht das mal!)

Auf dem Weg zurück zu unseren Fahrrädern – an der Straße entlang – trafen wir auf eine Gruppe bunt gekleideter Frauen, die alle, na ja fast alle, synchron zu chinesischer Musik einer offensichtlich über Jahre eintrainierte Choreographie folgten. Später holten sie sogar noch Fächer und Fahnen dazu und tanzten mit diesen.

Zum Abschluss unserer Tour, es war erst kurz vor 8 Uhr und wir hatten gefühlt schon den halben Tag hinter uns, mussten wir selbstverständlich noch typisch Shanghainese Frühstücken gehen. Aber wo? Gut, dass wir Steffi dabei hatten. Sie wohnt schon seit vielen Jahren in Shanghai und kennt sich aus. Sie wusste ungefähr, wo wir hin mussten. Was sie aber ganz genau wusste war, was wir essen mussten und es war sooo lecker! Das war nicht mein letztes Shanghainese Frühstück.

Nicole…

… ist im Mai 2019 voller Vorfreude in das Abenteuer Shanghai gestartet und hat sich Hals über Kopf in die Millionenmetropole verliebt. Seit ihrer Ankunft bloggt sie über ihre kleinen und manchmal auch größeren Unwägbarkeiten des Alltags, über die Dinge, die sie jeden Tag wieder auf’s Neue in Erstaunen versetzen und manchmal auch einfach nur über bekannte und weniger bekannte Attraktionen, Geschichte und Geschichten rund um Shanghai.